Tian oder :-)))))
Ich melde mich rasch mit meinem Codenamen an und verlange die Suche
nach dem Teilnehmer ,,Tian,,
Mein Computer meldet
mir: ,,Der Benutzer befindet sich im Raum >Lesben im Internet<. Möchten
Sie dorthin?“
Ich weiß nicht, wie lange ich auf diese Anzeige starre. Lesben.
Lesben sind Frauen, die klobige Schuhe, altmodische Schuhe und karierte Hemden
tragen. Sie saufen Bier, grölen Lieder und geben sich mitten in der
Fußgängerzone schmatzende Küsse. Ihre kurzen Haare sind zwar immer frisch
gewaschen, aber weder gefärbt noch gestylt, noch sonst wie aufgepeppt. Sie
schminken sich nicht, sondern benutzen im Winter höchstens einen Labello. Ach
ja, und sie hassen Männer und beschimpfen sie, sobald ihnen einer begegnet. Was
hat Luise mit ihnen zu tun?
Plötzlich weiß ich, was sie mit ihnen zu tun hat. Es ist, als risse
mir jemand mit Gewalt die Augen auf, während mich von vorne ein weißes Licht
blendet. Aber ich will nicht hingucken. Ich will nichts sehen. Ich will auch
nicht darüber nachdenken. Lieber falle ich in Ohnmacht!
Das ist jetzt schon fast eine Woche her. Ich bin so taub wie nach
der Betäubungsspritze beim Zahnarzt. Aber nicht meine Wange ist taub, sondern
mein Herz. Ehrlich, ich kann nichts fühlen. Es ist fast so, als sei an der
Stelle gar nichts. Aber ich weiß, dass es mir nicht einfach über Nacht
rausgefallen sein kann.
Was mich nur wundert, ist, dass es gar nicht wehtut. Deshalb kann
ich auch so tun, als sei nichts passiert, Niemand merkt mir sowas an. Niemand
fragt mich. Und ich denk schon, dass ich mir keine Sorgen hätte machen
brauchen. Ich bin bestimmt nicht ,,so,, . Denn was jetzt ganz gewiss ist, ist
die Tatsache, dass ich gar nichts fühlen kann. Ich bin gefühlskalt. Jawohl.
Während der Kopf meines Nachbarn kurz vor Schulschluss fast auf dem
Tisch landet, bin ich nervös wie diese dünnen Pferde, die im rasenden Galopp
über den Platz rennen. Als ich endlich den Gang entlanggehe und aus der Tür
trete, sehe ich sie sofort. Sie wartet auf der anderen Straßenseite. Zwar gehe
ich weiter, aber innen drin bin ich plötzlich so erstarrt, dass ich mich wie
eine Marionette bewege. Einen winzigen Augenblick ziehe ich es in Erwägung,
einfach vorbeizugehen und so zu tun, als hätte ich sie nicht gesehen. Nein, wie
albern! Ich gehe hin.
,,Hi.“
,,Hallo.“
Verlegen stehen wir voreinander, beide mich hochroten Köpfen.
,,Was ist los?“, fragt sie. Zittert ihre Stimmte? Ich bin mir nicht
sicher. Ich traue mich nicht aufzublicken.
,,Immer sagt deine Mutter, dass du nicht da bist. Aber du rufst
auch nicht zurück. Hab ich was falsch gemacht?“
,,Nein.“ Das kommt wie aus der Pistole geschossen; viel zu schnell.
,,Aber was dann? Wir hatten doch Spaß. Ich dachte, du magst mich.“
Ja, ihre Stimme zittert. Hoffentlich weint sie nicht gleich.
,,Bitte“, sagt sie jämmerlich. ,,Sag es mir! Ich möchte gerne
wissen, was passiert ist. Ich schwör dir, ich lasse dich dann auch in Ruhe.“
Wir bleiben stehen, sehen uns aber nicht an, sondern aneinander
vorbei. Sie tut mir so Leid. Ich weiß gar nicht mehr, was in mich gefahren ist.
Wie kann ich sie nur so enttäuschen? Wie konnte ich nur?
,,An dem Abend neulich, als du von deiner Oma zurückkamst...“ Ihre
ganze Gestalt ist eine Frage, Ich komme mir so hart vor. Bin das wirklich ICH?
,,Ich bin dann doch noch ins Netz gegangen.“
Ich sehe sie kurz an. Unverständnis. ,,Hast du mich nicht
gefunden?“
,,Doch...“ Da fällt bei ihr der Groschen und wird ganz steif.
,,Aber Jule, das ist doch... das kann doch nicht...“
Ich sehe sie an. Und endlich funktioniert wieder etwas. Es ist
nicht mehr taub in mir. Es lebt wieder. Und es tut weh. Es trifft mich mit der
Wucht einer Handgranate. Eine Weile schweigen wir. Sie atmet rasch, aber dann
doch immer ruhiger. Bis sie leise anfängt zu reden: ,,Vor einem Jahr hab ich
mich in ein Mädchen verknallt. Ich hab sie auf dem Reiterhof getroffen, auf dem
ich damals immer rumhing. Sie war, na ja, sie war eben total klasse. Ich fand
sie gut, so wie meine Freundinnen irgendwelche Jungs gut fanden. Aber... ich
hab mich nie getraut ihr das zu sagen. Ich meine, es ist schon etwas seltsam.
Heutzutage ist alles so offen und nichts mehr verboten und so. Aber trotzdem
dache ich immer, ja, ja, die anderen, aber ICH doch nicht! Jedenfalls nicht
wirklich. Verstehst du?“
Ich nicke. Ich verstehe, dass das ist doch genau das, was ich im
Moment auch fühle. Auch, wenn ich mich eine Woche lang lieber selbst belogen
habe.
,,Na ja, dann habe ich dich getroffen, beim Chatten. Und ich hab
nicht eine Sekunde... ich meine, ich dachte nicht daran, echt nicht. Ich will
nicht, dass du glaubst, es war alles geplant oder so. Es ist einfach so
gekommen. Aber ich muss dir auch sagen“, plötzlich wird ihre Stimme trotzig
oder stolz, oder beides, ,,als ich dann gemerkt hab, es ist so ..., da fand ich
es auch gar nicht mehr schlimm. Ich fand es o.k. Es tat gut. Es tat mir echt gut.“
,,Was denn?“ Ich klinge wie ein quäkendes Schaft.
,,Dass ich mich in dich verliebt hab, natürlich!“
Das Schaf ist vorrübergehend stumm geworden. Es weiß nur, dass es
gerne laut blöken möchte vor Freude.
Freude, ja! Mein Blut schießt durch meine Adern und trägt in alle Winkel meines
Körpers die Botschaft: Luise ist in dich verliebt! Aber das Schaf ist nun mal
ein Schaf und möchte auch davonlaufen und zwar so schnell es seine dünnen
Beinchen tragen.
,,Die Frauen, die ich an dem Abend getroffen habe im Netz, die
waren total nett. Zwei haben sich per Telegramm mit mir unterhalten. Sie haben
mir Tipps gegeben und Adressen geschickt und mir ein Buch genannt. Die eine hat
seit einem Jahr eine Freundin und die andere schon seit zehn. Zehn Jahre!“ Zehn
Jahre sind irre lang. Wie verheiratet.
,,Die eine war besonders gut drauf. Sie hat gemeint, dass sie mir
natürlich auch nicht sagen kann, ob ich so bin oder nicht. Aber eins ist
sicher, hat sie gemeint, dass man nicht am Leben vorbeilaufen sollte, dass man
das tun sollte, was einem das Herz sagt. Allerdings... ein bisschen Mut gehört
schon dazu.“
,,Wenn du ihn hast, wünsche ich dir viel Glück. Ich hab ihn wohl
nicht“, höre ich mich da sagen. Und dann rennt das Schaf davon!
Wenn ich gedacht hatte, es ginge so weiter wie vorher, hatte ich
mich echt getäuscht. Von wegen so tun, als sei gar nichts passiert. Von wegen
Taubheit und nichts empfinden! Jeder, aber echt jeder quatscht mich besorgt an,
weil ich blass bin, unkonzentriert, weil ich abgenommen habe und kummervoll
dreinschaue. Nur ab und zu an sie
denken? Pah! Eher ab und zu mal nicht an
sie denken! Jemand hat ihr Bild in mein Hirn gestanzt und in mein Herz. Das ist
nämlich echt noch da. Und wie es da ist. Ich spüre es ständig.. Es tut weh, es
blutet, es sing vor lauter Schmerz traurige Lieder... Ja, seit zwei Wochen bin
ich in diesem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Mein Traum sieht immer
so aus, dass sie mich plötzlich anruft und es doch noch einmal versucht –
obwohl ich mich so unmöglich verhalten habe. Sie kommt vorbei, steht vor der
Tür, wir sehen uns an und ich versinke in ihren Augen und dann küsst sie mich.
Aber an der Stelle schaltet sich immer die Realität ein. Die Traumseifenblase zerplatzt...
Diese Nacht bin ich schon wieder mehrmals aufgewacht. Deshalb mache ich einen
kleinen Rundgang durch die Wohnung, der dann doch vor Papas Computer endet. Wie
man einen neuen Codenamen annimmt, weiß ich. Ich tippe Schäfchen... Aber es gibt noch einen Raum, in den
ich mich bisher nicht getraut habe: >Lesben
online<... Auf der Liste der Anwesenden steht an der achten Stelle: Tian... Tian beteiligt sich sogar an der
Unterhaltung. Sie macht Witze, über die ich manchmal lache und manchmal traurig
werde. Doch dann schreibt einer der anderen:
Rose: ihr seid heute
alle so gut drauf!
Tian: das ist nur
schein. vielen geht es bestimmt nicht besonders gut
Niemand im Chat reagiert darauf. Ich klicke auf Telegramm und
tippe:
Schäfchen: bist du
traurig, Tian?
Tian: ein bisschen,
ja. du hast einen süßen namen.
Schäfchen: er passt
unglaublich gut zu mir.
Tian: meiner auch.
Schäfchen: denk ich
mir. Karoline von günderode.
Tian: :-))))))))))))))))
Schäfchen:
liebesgedichte.
Tian: sehr
unglückliche liebesgedichte
Schäfchen: bist du
unglücklich verliebt?
Tian: ja
---
Tian: ja, sehr
verliebt. sehr unglücklich. sie mag mich nur als freundin. Aber mehr nicht.
Schäfchen: hat sie
das gesagt?
Tian: so ungefähr.
Schäfchen: wirklich?
Tian: ??????
---
Tian: ich glaube
schon. sie hat gesagt, dass sie nicht den mut hat, den ich habe.
Schäfchen: sie hat
also angst.
Tian: vor MIR?
Schäfchen: ... vor
sich selbst...alles ist so fremd...alles ist neu...sie fühlt sich allein und
hilflos...
Tian: ABER das
könnten wir doch gemeinsam ändern! ich wäre immer für sie da. Ich bin stark. Ich
halte was aus. Das wichtiste ist doch, dass wir zusammen sind.
---
Tian: ich vermisse
sie so
Schäfchen: ich dich
auch.
---
---
Tian: BlueMoon?
Schäfchen: kannst du
vielleicht jetzt gleich herkommen?
Tian: bis
gleich!!!!!!!!
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