Freitag, 20. April 2012

Mirjam Müntefering
Tian oder :-)))))

Ich melde mich rasch mit meinem Codenamen an und verlange die Suche nach dem Teilnehmer ,,Tian,,
Mein Computer meldet mir: ,,Der Benutzer befindet sich im Raum >Lesben im Internet<. Möchten Sie dorthin?“
Ich weiß nicht, wie lange ich auf diese Anzeige starre. Lesben. Lesben sind Frauen, die klobige Schuhe, altmodische Schuhe und karierte Hemden tragen. Sie saufen Bier, grölen Lieder und geben sich mitten in der Fußgängerzone schmatzende Küsse. Ihre kurzen Haare sind zwar immer frisch gewaschen, aber weder gefärbt noch gestylt, noch sonst wie aufgepeppt. Sie schminken sich nicht, sondern benutzen im Winter höchstens einen Labello. Ach ja, und sie hassen Männer und beschimpfen sie, sobald ihnen einer begegnet. Was hat Luise mit ihnen zu tun?
Plötzlich weiß ich, was sie mit ihnen zu tun hat. Es ist, als risse mir jemand mit Gewalt die Augen auf, während mich von vorne ein weißes Licht blendet. Aber ich will nicht hingucken. Ich will nichts sehen. Ich will auch nicht darüber nachdenken. Lieber falle ich in Ohnmacht!
Das ist jetzt schon fast eine Woche her. Ich bin so taub wie nach der Betäubungsspritze beim Zahnarzt. Aber nicht meine Wange ist taub, sondern mein Herz. Ehrlich, ich kann nichts fühlen. Es ist fast so, als sei an der Stelle gar nichts. Aber ich weiß, dass es mir nicht einfach über Nacht rausgefallen sein kann.
Was mich nur wundert, ist, dass es gar nicht wehtut. Deshalb kann ich auch so tun, als sei nichts passiert, Niemand merkt mir sowas an. Niemand fragt mich. Und ich denk schon, dass ich mir keine Sorgen hätte machen brauchen. Ich bin bestimmt nicht ,,so,, . Denn was jetzt ganz gewiss ist, ist die Tatsache, dass ich gar nichts fühlen kann. Ich bin gefühlskalt. Jawohl.
Während der Kopf meines Nachbarn kurz vor Schulschluss fast auf dem Tisch landet, bin ich nervös wie diese dünnen Pferde, die im rasenden Galopp über den Platz rennen. Als ich endlich den Gang entlanggehe und aus der Tür trete, sehe ich sie sofort. Sie wartet auf der anderen Straßenseite. Zwar gehe ich weiter, aber innen drin bin ich plötzlich so erstarrt, dass ich mich wie eine Marionette bewege. Einen winzigen Augenblick ziehe ich es in Erwägung, einfach vorbeizugehen und so zu tun, als hätte ich sie nicht gesehen. Nein, wie albern! Ich gehe hin.
,,Hi.“
,,Hallo.“
Verlegen stehen wir voreinander, beide mich hochroten Köpfen.
,,Was ist los?“, fragt sie. Zittert ihre Stimmte? Ich bin mir nicht sicher. Ich traue mich nicht aufzublicken.
,,Immer sagt deine Mutter, dass du nicht da bist. Aber du rufst auch nicht zurück. Hab ich was falsch gemacht?“
,,Nein.“ Das kommt wie aus der Pistole geschossen; viel zu schnell.
,,Aber was dann? Wir hatten doch Spaß. Ich dachte, du magst mich.“
Ja, ihre Stimme zittert. Hoffentlich weint sie nicht gleich.
,,Bitte“, sagt sie jämmerlich. ,,Sag es mir! Ich möchte gerne wissen, was passiert ist. Ich schwör dir, ich lasse dich dann auch in Ruhe.“
Wir bleiben stehen, sehen uns aber nicht an, sondern aneinander vorbei. Sie tut mir so Leid. Ich weiß gar nicht mehr, was in mich gefahren ist. Wie kann ich sie nur so enttäuschen? Wie konnte ich nur?
,,An dem Abend neulich, als du von deiner Oma zurückkamst...“ Ihre ganze Gestalt ist eine Frage, Ich komme mir so hart vor. Bin das wirklich ICH? ,,Ich bin dann doch noch ins Netz gegangen.“
Ich sehe sie kurz an. Unverständnis. ,,Hast du mich nicht gefunden?“
,,Doch...“ Da fällt bei ihr der Groschen und wird ganz steif.
,,Aber Jule, das ist doch... das kann doch nicht...“
Ich sehe sie an. Und endlich funktioniert wieder etwas. Es ist nicht mehr taub in mir. Es lebt wieder. Und es tut weh. Es trifft mich mit der Wucht einer Handgranate. Eine Weile schweigen wir. Sie atmet rasch, aber dann doch immer ruhiger. Bis sie leise anfängt zu reden: ,,Vor einem Jahr hab ich mich in ein Mädchen verknallt. Ich hab sie auf dem Reiterhof getroffen, auf dem ich damals immer rumhing. Sie war, na ja, sie war eben total klasse. Ich fand sie gut, so wie meine Freundinnen irgendwelche Jungs gut fanden. Aber... ich hab mich nie getraut ihr das zu sagen. Ich meine, es ist schon etwas seltsam. Heutzutage ist alles so offen und nichts mehr verboten und so. Aber trotzdem dache ich immer, ja, ja, die anderen, aber ICH doch nicht! Jedenfalls nicht wirklich. Verstehst du?“
Ich nicke. Ich verstehe, dass das ist doch genau das, was ich im Moment auch fühle. Auch, wenn ich mich eine Woche lang lieber selbst belogen habe.
,,Na ja, dann habe ich dich getroffen, beim Chatten. Und ich hab nicht eine Sekunde... ich meine, ich dachte nicht daran, echt nicht. Ich will nicht, dass du glaubst, es war alles geplant oder so. Es ist einfach so gekommen. Aber ich muss dir auch sagen“, plötzlich wird ihre Stimme trotzig oder stolz, oder beides, ,,als ich dann gemerkt hab, es ist so ..., da fand ich es auch gar nicht mehr schlimm. Ich fand es o.k. Es tat gut. Es tat mir echt gut.“
,,Was denn?“ Ich klinge wie ein quäkendes Schaft.
,,Dass ich mich in dich verliebt hab, natürlich!“
Das Schaf ist vorrübergehend stumm geworden. Es weiß nur, dass es gerne laut blöken  möchte vor Freude. Freude, ja! Mein Blut schießt durch meine Adern und trägt in alle Winkel meines Körpers die Botschaft: Luise ist in dich verliebt! Aber das Schaf ist nun mal ein Schaf und möchte auch davonlaufen und zwar so schnell es seine dünnen Beinchen tragen.
,,Die Frauen, die ich an dem Abend getroffen habe im Netz, die waren total nett. Zwei haben sich per Telegramm mit mir unterhalten. Sie haben mir Tipps gegeben und Adressen geschickt und mir ein Buch genannt. Die eine hat seit einem Jahr eine Freundin und die andere schon seit zehn. Zehn Jahre!“ Zehn Jahre sind irre lang. Wie verheiratet.
,,Die eine war besonders gut drauf. Sie hat gemeint, dass sie mir natürlich auch nicht sagen kann, ob ich so bin oder nicht. Aber eins ist sicher, hat sie gemeint, dass man nicht am Leben vorbeilaufen sollte, dass man das tun sollte, was einem das Herz sagt. Allerdings... ein bisschen Mut gehört schon dazu.“
,,Wenn du ihn hast, wünsche ich dir viel Glück. Ich hab ihn wohl nicht“, höre ich mich da sagen. Und dann rennt das Schaf davon!
Wenn ich gedacht hatte, es ginge so weiter wie vorher, hatte ich mich echt getäuscht. Von wegen so tun, als sei gar nichts passiert. Von wegen Taubheit und nichts empfinden! Jeder, aber echt jeder quatscht mich besorgt an, weil ich blass bin, unkonzentriert, weil ich abgenommen habe und kummervoll dreinschaue. Nur ab und zu an sie denken? Pah! Eher ab und zu mal nicht an sie denken! Jemand hat ihr Bild in mein Hirn gestanzt und in mein Herz. Das ist nämlich echt noch da. Und wie es da ist. Ich spüre es ständig.. Es tut weh, es blutet, es sing vor lauter Schmerz traurige Lieder... Ja, seit zwei Wochen bin ich in diesem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Mein Traum sieht immer so aus, dass sie mich plötzlich anruft und es doch noch einmal versucht – obwohl ich mich so unmöglich verhalten habe. Sie kommt vorbei, steht vor der Tür, wir sehen uns an und ich versinke in ihren Augen und dann küsst sie mich. Aber an der Stelle schaltet sich immer die Realität ein. Die Traumseifenblase zerplatzt... Diese Nacht bin ich schon wieder mehrmals aufgewacht. Deshalb mache ich einen kleinen Rundgang durch die Wohnung, der dann doch vor Papas Computer endet. Wie man einen neuen Codenamen annimmt, weiß ich. Ich tippe Schäfchen... Aber es gibt noch einen Raum, in den ich mich bisher nicht getraut habe: >Lesben online<... Auf der Liste der Anwesenden steht an der achten Stelle: Tian... Tian beteiligt sich sogar an der Unterhaltung. Sie macht Witze, über die ich manchmal lache und manchmal traurig werde. Doch dann schreibt einer der anderen:
Rose: ihr seid heute alle so gut drauf!
Tian: das ist nur schein. vielen geht es bestimmt nicht besonders gut
Niemand im Chat reagiert darauf. Ich klicke auf Telegramm und tippe:
Schäfchen: bist du traurig, Tian?
Tian: ein bisschen, ja. du hast einen süßen namen.
Schäfchen: er passt unglaublich gut zu mir.
Tian: meiner auch.
Schäfchen: denk ich mir. Karoline von günderode.
Tian: :-))))))))))))))))
Schäfchen: liebesgedichte.
Tian: sehr unglückliche liebesgedichte
Schäfchen: bist du unglücklich verliebt?
Tian: ja
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Tian: ja, sehr verliebt. sehr unglücklich. sie mag mich nur als freundin. Aber mehr nicht.
Schäfchen: hat sie das gesagt?
Tian: so ungefähr.
Schäfchen: wirklich?
Tian: ??????
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Tian: ich glaube schon. sie hat gesagt, dass sie nicht den mut hat, den ich habe.
Schäfchen: sie hat also angst.
Tian: vor MIR?
Schäfchen: ... vor sich selbst...alles ist so fremd...alles ist neu...sie fühlt sich allein und hilflos...
Tian: ABER das könnten wir doch gemeinsam ändern! ich wäre immer für sie da. Ich bin stark. Ich halte was aus. Das wichtiste ist doch, dass wir zusammen sind.
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Tian: ich vermisse sie so
Schäfchen: ich dich auch.
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Tian: BlueMoon?
Schäfchen: kannst du vielleicht jetzt gleich herkommen?
Tian: bis gleich!!!!!!!!

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